WIESBADEN – „Ihre finanziellen Angelegenheiten sind bei uns in guten Händen, deshalb haben Sie den Kopf frei für Ihre Arbeit mit den Patienten.“ So wirbt die Hypovereinsbank auf ihrer Website um die Gunst der Ärzteschaft. Für Dr. Wilfried Henstedt (Name wurde von der Redaktion geändert) muss dies wie Hohn klingen. Denn seine Gedanken wie auch seine Arbeit dienen vor allem einem frustrierenden Zweck: Seine Schulden bei der Hypovereinsbank zu bezahlen!
Dabei fing alles so vielversprechend an. Die Praxis, die der Allge­meinarzt 1987 in Nordrhein-Westfalen eröffnete, startete gut durch. So gut, dass der Kollege auf den Rat eines sachkundigen Freundes alsbald eine erste Immobilie in Siegburg erwarb. Der Kauf – die Rede ist von einer 330 m² großen Ladenfläche für 1,4 Mio. DM – wurde noch vor dem Bau getätigt. Da der Freund mitinvestierte, hatte Dr. Henstedt ein gutes Gefühl. Die Finanzierung – bei diesem Objekt mit der Kreissparkasse Siegburg – lief problemlos, das Geld war ausgezahlt, noch bevor der Kreditvertrag unterschrieben war.
Einbrüche, kein Parkplatz: Für Gewerbe unzumutbar
Dabei wurden die Bauzeitzinsen auf 300 000 DM geschätzt. Nachdem die fertige Gewerbefläche einige Jahre den gewünschten Mietpreis erzielen konnte, traten die ersten Probleme auf. Die angebliche 1-a-Lage entpuppte sich nun als wahre Schrottlage: Der Mieter – ein Copyshop-Betreiber – zog aus, weil seine Kunden vor dem Gebäude keine Parkplätze fanden, weil es ihm an Lagerraum fehlte und weil mehrfach Einbrüche passierten. In der Folgezeit erlebte das Ladenlokal wiederholte Leerstände. Als zu allem Überfluss sein Freund und Geschäftspartner in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, blieben der Kampf um die Vermietung und rund 11 000 DM monatliche Belastung an Dr. Henstedt allein hängen.
Immerhin ließ die finanzierende Kreissparkasse mit sich reden und nimmt seit 2005 stillschweigend hin, dass der Kollege seine Raten nicht mehr zahlen kann. Eine andere Möglichkeit hätte der Hausarzt auch nicht, da er im Vergleich zu früher 3000 bis 4000 Euro Praxisumsatz je Monat eingebüßt hat. Anlass zur Nachsicht mit dem Schuldner gab wohl ein vernichtendes Gutachten, das der Immobilie nur 180 000 Euro Wert zugestand. Eine Versteigerung hätte hier zweifelsohne den Totalverlust für alle Seiten besiegelt. Zumal die Immobilientragödie des Kollegen in zwei Akten spielt und er mit rund 1 Mio. Euro Schulden kämpft.
Fehlinvestition in der Euphorie des Aufbaus
Denn in der Euphorie des Ost-Aufbaus und goldenen Praxiszeiten erwarb der Kollege 1995 zusätzlich zur Ladenfläche noch zwei Wohnungen – je 70 m² groß – im thüringischen Waltershausen. Notarstermin vor Bau war auch hier das Prinzip. 6000 DM pro m² nahm die Bauträgerfirma, die im Rahmen der sogenannten Bauträgermodelle die Wohneinheiten erstellte und zugleich veräußerte. Die Lage schien gut: Waltershausen liegt direkt an der Autobahn und die Wohnungen waren im Stadtzentrum unmittelbar neben dem Stadttor geplant. Kreditgeber für Dr.Henstedt war diesmal die Hypovereinsbank. Das gesamte Geldgeschäft mit allen Formalitäten wurde über einen Vermittler – wiederum besagter Freund, aber auch Angehöriger eines Vertriebspartners der Hypovereinsbank – abgewickelt. Weil die Bauträgerfirma Billigarbeitskräfte ans Werk ließ, schlugen alsbald massive Qualitätsmängel zu Buche, gefolgt von der Pleite des Bauunternehmens. Die Commerzbank, die damals den Bau finanzierte, setzte einen Verwalter ein und ließ das Gebäude fertigstellen, um es später zu veräußern.
Dr. Henstedt hingegen konnte seine Wohneinheiten in dem minderwertigen Gebäude nicht auf die Schnelle veräußern – er hätte zu viel Geld verloren. Zudem war die Immobilie als Steuersparmodell angelegt und bei einem vorzeitigen Verkauf hätte der Fiskus eine sechsstellige Rückzahlung – rund 250 000 DM – gefordert. So hatte Dr. Henstedt keine Wahl, als die Wohnungen zu behalten, die wegen der hohen Arbeitslosigkeit in Waltershausen nur epochenmäßig zu Mietern fanden. Absolut durchgängig dagegen waren die Zinsforderungen seines Kreditgebers. Dazu gesellten sich Belastungen für die leidige Laden-Immobilie in Siegburg, für die allein 3000 Euro Grundgebühr (Steuer pro Jahr) anfielen.
In seiner Not sah Dr. Henstedt nur einen Ausweg: Die Nachberichtigung des Immobilienwertes bei der Hypovereinsbank. Nach seinen Erkundigungen litten die Wohnungen an chronischem Wertverfall. Doch die Bank stellte sich stur und kündigte kurzum die Kreditverträge, als die Zahlungen des Arztes ausblieben. Eine Zwangsversteigerung machte keinen Sinn, denn mit Blick auf das Immobiliendesaster in Siegburg war bei dem Kollegen leider kein Cent zu holen. Mit juristischer Schützenhilfe wurde der Hypovereinsbank schließlich ein Vergleich abgerungen: Statt der noch ausstehenden 200 000 Euro soll Dr. Henstedt nun einmalig 110 000 Euro zahlen.
Kollege erhält keine Anschlussfinanzierung
Doch damit ist ihm nicht geholfen. Da er das Geld nicht verfügbar hat, wäre die Summe nur über eine Anschlussfinanzierung zu stemmen. Reihenweise hat er die Banken abgeklappert, aber Geld bekommt er nirgends. Trotz voller Praxis mit immerhin 1500 Scheinen hängt Dr. Henstedts Existenz am seidenen Faden: „16-Stunden-Tag, IGeLn, Privatpatienten – und trotzdem steht meine Altersvorsorge auf ganz wackeligen Beinen“, so der Kollege. Und das mit fast 60 Jahren. Die Hypover­einsbank besteht indes auf Zahlung der Vergleichssumme, jede weitere Finanzierungshilfe wird strikt abgelehnt: Fazit: „Heilberufebank“ lässt Arzt im Regen stehen! reh