Katholiken-Präsident Hans Joachim Meyer zur Enzyklika des Papstes
Berlin – Hans Joachim Meyer, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), sieht in der neuen Enzyklika des Papstes eine Ermutigung für die Christen. Sie richte sich gegen die Versuchung, Religion als Privatsache ohne öffentlichen Bezug zu verstehen.
Frage: Herr Meyer, Benedikt XVI. veröffentlicht seine zweite Enzyklika – dieses Mal geht es um die Hoffnung. Welche Botschaft gibt der Papst mit diesem Text? Meyer: Der Mensch kann nicht grundlos hoffen. Deshalb erinnert der Papst daran, dass die ersten Christen durch die Begegnung mit der Frohen Botschaft Jesu Christi in Gott den Grund ihrer Hoffnung erkannten, nachdem ihnen ihre bisherigen Götter fragwürdig geworden waren. Auch vielen Menschen unserer Tage sind die Götter der heutigen Zeit fragwürdig geworden. Die Christen müssen ihnen durch ihr Zeugnis und durch ihren gelebten Glauben helfen, ihre Blicke wieder auf den wahren Gott hinlenken, der uns in Jesus Christus begegnet ist. Würde ein solcher Glaube wieder in unserer Gesellschaft an Einfluss und Bedeutung gewinnen, könnten Menschen nicht nur den Sinn ihres persönlichen Lebens erkennen. Auch die Geschichte, die sich im Unübersichtlichen zu verlieren droht, erhielte eine Perspektive, die nicht von einem menschlichen Anspruch gesetzt wird. Dieser Gedanke ist eine Ermutigung für die Christen, die sich 2010 in München zum II. Ökumenischen Kirchentag versammeln und über ihre Verantwortung für die Gesellschaft nachdenken.
Frage: Wie kann die päpstliche Enzyklika zum Denkanstoß für den Glauben im Alltag werden? Meyer: Was mich an dieser Enzyklika besonders beeindruckt, ist, dass der Papst einerseits eindringlich auf den Wert des alltäglichen Glaubens für das gelingende Leben des Einzelnen hinweist und andererseits betont, dass die Hinwendung zu Gott zugleich zur Gemeinschaft mit allen führt, die in Jesus Christus Gott erkennen und bekennen. Damit unterscheidet der Papst den christlichen Glauben von der heute verbreiteten individualistischen Versuchung, die Mitmenschen aus der Beziehung zu Gott auszugrenzen oder Religion als Privatsache zu betrachten, die keine öffentliche Bedeutung hat.
Frage: Der Papst betont, die Suche nach der Wahrheit und Hoffnung finde im Jetzt statt und müsse einhergehen mit Kritik am Fortschrittsglauben. Was bedeutet das für die Kirche heute? Meyer: Es ist richtig, dass der Papst mit einem Fortschrittsglauben, der sich von Gott abwendet und sein Heil in einer von Menschen gemachten Geschichte sucht, hart ins Gericht geht. Das 20. Jahrhundert hat ja gezeigt, welche furchtbaren Folgen es hat, wenn man glaubt, Gesellschaft und Welt wie Sachverhalte wissenschaftlich aufklären und dann mit dieser Erkenntnis ordnen und umgestalten zu können. Nicht minder schrecklich war der Versuch, Vorstellungen von menschlicher Gerechtigkeit mit Hilfe unbegrenzter Macht durchzusetzen. Damit verurteilt der Papst aber nicht das menschliche Mühen um Fortschritt und Gerechtigkeit. Er zeigt vielmehr, dass dieses Mühen nur dann segensreich ist, wenn sich der Mensch nicht an die Stelle Gottes setzt, sondern sich seiner Unvollkommenheit und Fehlbarkeit bewusst bleibt. Also nicht um Abwehr von Fortschritt geht es Benedikt XVI., sondern um den ethisch verantwortlichen Umgang mit den vom Menschen erkannten Möglichkeiten.
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